Thala

Hoher Besuch

Es scheint ein wenig so, als wollte der breite Mekong das kleine Dorf Thala abschirmen: Vor der großen “entwickelten” Welt und den großen Problemen die sich dort entwickelt haben.

Als ich mit meinem Moped auf die kleine Fähre rolle, die Thala mit dem Straßennetz verbindet, ist es noch früh am Morgen. Ein kleiner Seitenarm des Mekongs trennt das Dorf von der Hauptstraße. Ich bin heute früh aufgestanden, um vor der Arbeit den kleinen abgelegenen Ort am Flussufer zu erkunden. Jetzt stehe ich auf dem wackelnden, schwimmenden Holzgerüst, das der Fährmann an einem gespannten Seil über das Wasser zieht. Mit einem leichten Ruck läuft es am Ufer auf. Der Fährmann lächelt und wünscht mir eine gute Fahrt.

Die Sonne ist noch nicht sehr heiß, ein leichter Wind weht. Ich nehme meinen stickigen Helm ab und tucker gemächlich durch das Dorf. Auf beiden Seiten des schmalen erdigen Weges stehen Stelzenhäuser in der grünen Landschaft. Vor den Häusern trocknet die Wäsche, Kinder liegen in Hängematten im Schatten und winken aufgeregt, als ich vorbeifahre. Vor einigen Häusern sind kleine Stände aufgebaut, immer wieder entdecke ich Gemüsegärten auf den Grundstücken. Dort knien bunt gekleidete Menschen in den Beeten und ernten Salat.

Zwischen den Häusern ragen Palmen in luftige Höhen, Bananenpflanzen stehen dicht an dicht, überall blüht es.

Als ich anhalte, um bei einem der kleinen Stände ein paar Kekse zu kaufen, fliegt ein riesiger gelber Schmetterling an mir vorbei. Er ist so groß wie ein Vogel, seine Flügel leuchten noch von weitem. Später sehe ich eine kleine Schlange, die ins Gebüsch flieht, als mein Moped in ihre Richtung rollt.

Aufgeregt rennt einer der Jungen durch das Kinderdorf. Seine Augen folgen seinem ausgestreckten Arm, der über ihn in den Himmel zeigt. “Look, look”, schreit er, “come here!” Ich springe von der Schulbank auf, an der ich gerade über die englischen Ortsangaben unterrichte und schaue in den blauen Himmel. Ein riesiger Adler kreist über dem Kinderdorf. In wenigen Sekunden stehen alle Jungen in einem Pulk zwischen den Häusern und rufen aufgeregt durcheinander. Kurz liegt ein wenig Empörung über den großen Raubvogel in der Luft, schließlich wolle er doch die Hühner klauen, erklären sie mir. Dann überwiegt aber die Begeisterung über das königliche Tier, über die unglaubliche Spannweite der Flügel, die den Vogel minutenlang in der Luft halten, ohne dass er einmal mit ihnen schlagen muss.

Für einige Zeit dauert der Tumult an, dann ist der Adler verschwunden – der Lärm scheint ihn vertrieben zu haben.

Am Nachmittag fahren wir zurück nach Stung Treng. Den Weg lerne ich inzwischen immer besser kennen. An der Uferstraße des Mekongs, kurz vor Stung Treng, liegen einige kleine Fischerdörfer, die wir täglich durchfahren. Etwa ein Dutzend Häuser stehen dort am Straßenrand. Es sind einfachste Bretterbuden, große Löcher klaffen in den Wänden. Sie scheinen keinen echten Schutz vor der Natur zu bieten. Von oben frisst sich der Rost durch die Wellblechdächer, unten steht das Unkraut so hoch, als wolle es die Häuser bald ganz verschlucken. Die vielen Kinder, die vor den Häusern im Schatten spielen, scheinen sich den sehr begrenzten Platz mit ihren Eltern zu teilen. Vor den Häusern wehen einige große Planen aus Plastik. Sie sollten die Häuser vielleicht einmal vor neugierigen Blicken schützen, aber keiner schützte sie vor Wind und Wetter: Jetzt sind sie durchlöchert und ausgefranst.

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